Waldgeißblatt (Lonicera Periclymenum)

Vorweg noch einen Briefwechsel wie er alle paar Wochen vorkommt:

Von: m. v.
An: rollostoimetz@web.de
Betreff: Stenze



Hallo ich war auf ihrer stenz-seite und wollte fragen ob man stenz-holz auch irgendwie oder irgendwo auch kaufen könnte da ich mir einen stenzwanderstock selbermachen will aber in meiner umgebung einfach noch keinen baum mit diesem wuchs gefunden hab
mfg M. V.

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Von: rollostoimetz@web.de

An: M.V.

Meines Wissens ist es nicht möglich „Stenzholz“ käuflich zu erwerben. Es widerspräche auch der Tradition der Wandergesellen sich einen Stenz zu kaufen.



Ein Stenz ist eben nicht einfach nur ein Wanderstock, sondern wird der treue, liebgewordene und langjährige Begleiter des Wandergesellen. Deshalb geht der junge Geselle auch nicht einfach in den Wald und sucht sich dort einen Stenz aus (ganz zu schweigen davon, daß er ihn kauft). Sondern Wir sprechen davon, daß der Stenz den Gesellen findet. Man ist vielleicht schon an 20 – 30 wirklich schönen Stücken vorbeigekommen aber hat sie stehen lassen. Und plötzlich, dort wo man ihn nie vermutet hätte, steht ER. Hat vielleicht gar nicht mal so viele Windungen wie die Anderen, ist vielleicht auch etwas krumm gewachsen, … , aber man weiß ganz genau: DER ist es.



Deswegen; lieber mal im Wald die Augen aufsperren. Es lohnt sich.



Jochen Wurft


Der Stenz

Der Stenz, des ehrbaren Wandergesellen treuer Begleiter, ist das Ergebnis wahrhaft darwinschen Ringens.

Sein oder Nichtsein. Lonicera oder Fagus sozusagen. Wobei Schwester Loni sich natürlich so ziemlich an Alles klammert was da wacker dem Licht entgegen strebt. Meist Hainbuche, Birke, Erle, Esche oder Ulme - das ergibt sich schon aus dem normalen Verbreitungsgebiet des Geißblatts. Hin und wieder jedoch müssen auch Rot- bzw. Weißbuchen, Eichen oder andere "langsame" Gehölze daran glauben. Und recht selten findet man auch tatsächlich ein Obstbäumchen in liebevoller Umschlingung.

Das Geißblatt (Lonicera) ist eine verholzende Kletterpflanze mit immergrünem oder auch laubabwerfendem Charakter. Für uns interessant ist vor allem das sogenannte Waldgeißblatt, die Wildform des nördlichen Europa. Lonicera periclymenum (im Folgenden "Loni" genannt), kommt aber nicht in jedem nordeuropäischen Wald vor. Nein. Unsere Loni steht auf Junggesellen. Junge Wälder, Auenwälder. Und zwar nicht direkt am Gewässer, wo jedes Jahr das Hochwasser drüberschwappt (mit den Geißblattsamen), sondern dort wo es schon ein wenig trockener ist. Loni mag also nicht Salix (Weide) sondern Fagus (Buche). Das heißt, unsere Loni hats zwar gern ein wenig Feucht aber bitte nicht Nass. Und vor Allem will Schwester Loni ans Licht. Na, und wie kommt Sie da wohl hin? Wenn sie auch einen schönen Körper hat und angenehm duftet, so fehlt es Ihr doch an Rückgrat. Loni braucht also einen Partner. Ob männlich oder weiblich ist Ihr dabei herzlich wurscht - hauptsache stark und hochwachsend.

Es kommt wie es kommen muß, Loni wirft sich dem nächsten Emporkömmling an den Hals. Ihr Partner zieht und Loni klammert. Das ganze Jahr über geht das so. Wie hoch Fagus auch wächst, Loni wächst mit. Bisher war das auch kein ernsthaftes Problem - warum auch. So ein hübsches junges Ding an der Seite... Nur leider kommt jetzt der Winter. Und Loni verholzt. Erstarrt also praktisch in der Form welche Sie das Jahr über schlängelnd angenommen hatte. Und damit beginnen auch schon die Probleme. Holz zieht sich nämlich nicht, und Loni hält sich mit Ihren starken Wurzeln aber auch sowas von im Untergrund fest und beginnt im Frühjahr schon vor allen Anderen neu auszutreiben, vielleicht kann Sie ja auch noch einen Anderen.. Tja man kann Loni bestimmt Vieles nennen, aber Monogam mit Sicherheit nicht. Könnte ja sein daß Ihr erster Gemahl die Zärtlichkeiten nicht überlebt. Aber noch strengt Er sich sich mächtig an. Wenn Fagus Loni schon nicht loswerden kann, so wächst Er halt um Sie herum. Denn wenn Er immer dicker wird, vielleicht gibt Sie ja dann irgendwann auf. Und Loni denkt sich: "Nee mein Junge - nur über meine Leiche!".

Damit beantwortet sich auch schon die Frage, warum sich in gut beforsteten Wäldern oder gar Obstgärten recht selten Stenze finden lassen. Ein erwürgter Baum trägt nicht gut, und das Sägewerk mag auch lieber gerade Stämme. Deshalb lautet für den Land-, oder Forstwirt das Mittel der Wahl: Rausreißen! mit Stumpf und Stiel rausreißen!!

Allerdings beantwortet das auch die Frage, warum sich Stenze gerne in Landschafts-, oder Naturschutzgebieten verstecken. Weshalb ich ernstlich davon abraten möchte zwecks unmäßiger oder gar kommerzieller Sammelwut Axtschwingend durch die Wälder zu ziehen. Die Förster mögen das gar nicht gern und die Strafen tun empfindlich weh.

Ich für meinen Teil vermähle deshalb in meinem Garten lieber die Geschwister Loni selbst mit ausgesuchten Kernobstbäumchen und anderen Exoten (wegen des schönen Holzes) und lasse der Natur dann einfach Ihren Lauf. Im Moment sinds Birne, Pflaume, Olive und Lebensbaum. Dauert halt ein paar Jahre/Jahrzehnte jeh nach Art.

Solltest Du Dich für einen Stenz entschieden haben, dann so absägen, daß er im Stehen mindestens Bauchhöhe hat. Kürzer kannst Du das Trumm immer noch machen – länger leider nicht. Den Stumpf im Wald möglichst kurz halten und schön die Spuren der Tat beseitigen.

Jetzt geht’s ans Entrinden:

Halt! Bloß nicht schnitzen!!!  Am einfachsten entfernst Du die Rinde im frischen Zustand. Und zwar, indem Du mit einem mittelschweren Gegenstand (Hammer, kurzes Stück Metallrohr o. Ä.) stetig auf die Rinde klopfst. KLOPFST!!! Nicht prügelst – aber auch nicht streichelst. Dann sollte Dir die Rinde einfach entgegenbröseln, und Du verletzt nicht die empfindliche  Holzoberfläche.

  • Das Geißblatt mittels einer Aale oder z. B. eines Schraubenziehers aus der Würgerinne entfernen. Aber VORSICHT! Du wärest nicht der Erste, der abrutscht und sich sein Werkzeug ins Fleisch bohrt. Wo das Holz über  das Geißblatt gewachsen ist, kannst du ruhig die Schlingpflanze mit dem Messer freilegen. – Andererseits hin und wieder siehts auch partiell zugewachsen besonders urig aus.

  • Wenn Du das obere Ende zu einem Handknauf abrunden willst, dann denke daran, daß der Baum von Unten nach Oben schmaler wird. Sprich: Du mußt die einstmalige Unterseite nun zur Oberseite machen, damit Dein Stenz sich von Oben nach Unten verjüngt.

  • Eine Metallspitze kann, muß aber nicht. Gut getrocknete Buche ist oft so hart, daß sie sich kaum abnutzt

  • GANZ WICHTIG!!! Auch wenn man sich am Anfang kaum am eigenen Stenz sattsehen kann, so sollte man ihn auf keinen Fall in der warmen Wohnung aufbewahren, sondern besser im Flur, im Keller oder Draussen. Also überall wo es nicht warm und zu trocken ist, denn frisches Holz reißt wenn es zu schnell trocknet. 

    Aber jetzt zu den Bildern. Auf detaillierte Ortsangaben wird verzichtet, Fremde wissen schon warum.

    Allersberg - Loni & Pyrus

    Düsseldorf - Loni & Fagus

     

     

    Loni & Betula

     

    und wieder Fagus

      

     

  • Stenze mit und von Mario Kappel

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    Stenze bei Fulda- von Felix Prechtel

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    Folgende Bilder wurden mir von Uwe Schön zur Verfügung gestellt

     

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    Was ein Trumm!

    Ein paar weitere schöne Stenzbilder aus dem Frühlingswald, von Werner Kirscht einh. Rolandsbruder:

     

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    Vorher und nachher

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    Von Tom Gerhards

     

     

     

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    Und von "Kurty"

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    Fix bedankt!!!

    Hoffentlich macht das Vorbild Schule. Ich würde gerne noch mehr Stenze hier verewigen.

    Einfach einen Brief an Rollostoimetz@web.de